Dr. Heiderose Langer // Eröffnungsrede der Ausstellung „wenig bewölkt“ im Oberlichtsaal Sindelfingen, 2017

Eröffnungsrede der Ausstellung „wenig bewölkt“ in der Städtischen Galerie Oberlichtsaal in Sindelfingen 2017

von Dr. Heiderose Langer, Erich-Hauser-Stiftung, Rottweil

27.April 2017

 

„Rot brennt der Himmel, wenn er überläuft“, „In der Natur des Lichts“, „Eintauchen“, „Das Glück wohnt im Verborgenen“, „wenig bewölkt“, „Bis die ersten Winde kommen“, Leise“, „Im Rausch der Erinnerungen,“ „Ich habe der Stille zugehört“, „Dort, wo der Wind weht“, „Eingefangen“, „fern – ach so fern“, nachklingende Morgenfrische“, „Sonnenlichtgeglitzer“, „endlich Frühling“, „komm, wir wollen Vögel beobachten“,  „Feuchte zieht durch die Luft“, „natürlich zerrinnt der Himmel keineswegs“, „plötzliche Nebellichtung“, „wo die Vergänglichkeit gefriert“

Ich beginne meine Einführungsrede mit Ausstellungs- und Bildtiteln von Nicole Bold – Titel, in denen sich poetische Imagination mit Beobachtungen, Phänomenen und Stimmungen der Natur verbinden und sich Assoziationsräume öffnen. Nicole Bold schreibt Gedichte, die bisher unveröffentlicht sind, doch Sätze wie die eben zitierten, geben oftmals den Anlass zum Malen eines Bildes.  Sie sind eine Quelle der Inspiration für die Malerin. Es geht ihr dabei nicht um eine Illustration des Geschriebenen sondern um das Experimentieren und Gestalten mit den Mitteln der Malerei, um Farbe, Fläche, Linie, Form und deren Ausdruckspotential. Ihre abstrakten Bildkompositionen bieten dem Betrachter viel Raum für eigene Entdeckungen und Erfahrungen.

Es geht – ganz elementar – um das Medium Bild. Woher kommen die Bilder? Welche Gefühle und Stimmungen transportieren sie? Welche imaginären Räume öffnen sich? Was bewirken sie im Betrachter?  Was kann Malerei? In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Äußerung von Wassily Kandinsky. Er schreibt in seinem Buch “Über das Geistige in der Kunst“ (S.14) „In jedem Bild ist geheimnisvoll ein ganzes Leben eingeschlossen, ein ganzes Leben mit vielen Qualen, Zweifeln, Stunden der Begeisterung und des Lichts“.

Als ich in ihrem neuen Atelier vor den Gemälden stehe, durch das Glasdach das warme Sonnenlicht fällt und das zarte Frühlingsgrün des eher naturbelassenen Gartens wahrnehme, spüre ich die Atmosphäre, in der ihre Bilder gemalt werden. Und zugleich blicke ich auf das 300 Jahre alte, liebevoll restaurierte Wohnhaus, in dem Nicole Bold mit ihrer Familie lebt. Hier an diesem Ort, an dem Geschichte bewahrt und lebendig gehalten wird, vereinen sich Gegenwart und Vergangenheit, kommen Natur und Kultur zusammen.

Prägend sind ihre Kindheitserinnerungen: Aufgewachsen am Bodensee, die Stille und Weite des Sees, die glatte oder Sturm gepeitschte Wasseroberfläche, geheimnisvolle Tiefe, unheimliche Nebelschleier, wechselnde jahreszeitliche Stimmungen. Es ist nicht nur das Potential der heimischen Natur, das sie in sich aufnimmt, sondern immer wieder zieht es sie in die Fremde, in ferne Länder, nach Asien, Afrika, Lateinamerika. Sie war zum Beispiel in Namibia und in Costa Rica: die Gemälde, die unter diesen Eindrücken und Erlebnissen entstanden, werden zu Sinnbildern des Wachsens und Wucherns, der Feuchtigkeit und Fruchtbarkeit. Es sind Bilder von undurchdringlicher Dichte und vegetabiler Vielfalt. Ihre Gemälde entstehen immer im Atelier ohne Vorzeichnungen – aus der Erinnerung.

Bestimmte Orte und Situationen beeinflussen und prägen ihre Wahrnehmung, ihre Gedanken und Empfindungen. Sie lagern sich im Gedächtnis ab wie geologische Formationen. Die Erinnerung an Gewesenes, das Erleben des Jetzt, und die Vorstellung von dem, was sein könnte, verzahnen sich zu komplexen Bildräumen.

Schicht für Schicht trägt sie Farbe auf, legt sie dünn übereinander, so dass unten liegende Schichten sichtbar bleiben. Sie arbeitet in Öl, Eitempera, seltener Acryl, und auch mit Harzöl. Es ist ein Wochen langer Malprozess, weil die Farben immer wieder trocknen müssen. Deshalb malt sie an mehreren Bildern gleichzeitig. Dabei ändert sich der Farbauftrag, mal ist er eher lasierend, mal pastos, mal transparent, glänzend oder matt; reliefartige Partien bilden sich aus und zahlreiche schmale Rinnsale fließen, manchmal an Äderchen erinnernd, über die Leinwand. Es sind Bildräume, die langsam wachsen, vom Grund an die Oberfläche dringen, bzw. von Oben in die Tiefe absinken. Vorne und Hinten wechselt beharrlich. Die einzelnen Farbschichten überdecken und durchwirken sich. Es gibt kein Zentrum, keine Hierarchien im Bild. Alles scheint im Fluss zu sein, ohne Anfang und Ende, eher flüchtige Andeutung als Festschreibung, eher Verwischung und Unschärfe als konkrete Erscheinung, eher meditative Stille als eruptive Ausbrüche.

Farbformen fliehen und drängen nach vorne, stürzen und steigen auf, kalte und warme Farbklänge werden orchestriert, schwere und leichte Formen mit großem Raffinement kontrapunktiert. Im Bildraum sprudelt, tropft und perlt es. Farbbahnen strömen, Farbpartikel strahlen und blühen, Farbflächen springen auf. Dieses Bewegungs- und Veränderungspotential vitalisiert ihre Gemälde.

Adrienne Braun beschreibt in einem Text , wie die Künstlerin in der Abstraktion die Lebendigkeit der Natur darstellt. „Malerei scheint zu leben“,  und sie bezeichnet es als ein „Wunder, dass abstrakte Malerei uns die Natur so vielfältig spüren lässt – mit nichts als ein bisschen Farbe auf der Leinwand“. Ihre vielschichtigen Malerei-Räume, die reich an Formen, Strukturen und Linienverläufen sind, scheinen so wirklich wie die Natur zu sein.

So lassen die Bilder an Himmelsräume, an Wasser, Erde, Höhlen und Felder, an Pflanzen und Blüten denken. Doch es geht nicht um die Wiedergabe solcher konkreten Dinge und Erscheinungen der Wirklichkeit. Die Künstlerin blickt vielmehrt hinter das Sichtbare, dorthin, was verborgen bleibt und sich nur dem sensiblen und empfänglichen Betrachter auf sinnlichem Weg erschließt: die Energien und Kräfte der Natur, das Erleben von Natur, das Sehen, Riechen, Hören und Schmecken.

Das saftige Grün einer Wiese, das lichte Blau des Himmels, ein tief dunkles Gewässer, feuchte Erde: In den Bildwelten von Nicole Bold stellen sich auch Assoziationen an naturhafte Prozesse ein: Fließen, Wehen, Pulsieren, Wachsen, Verwelken. Wir meinen, Naturerscheinungen zu entdecken: Tautropfen, Schneeflocken, Sonnenreflexe, Schattenspiele. Und wetterbedingte Empfindungen wie frostkalt, sommerwarm, windstill sind spürbar. Die Künstlerin vermag es verdrängte oder vergessene Naturerlebnisse wieder zu aktivieren. Die Natur als Gegenüber des Menschen, den Menschen als Teil der Natur bewusst erfahren – darum geht es in ihren Bildern.

Zugleich regt sie durch überraschende Brüche im Bildaufbau, vor allem auch durch Raumstaffelungen, Überschneidungen und Verdichtungen in Kombination mit surreal anmutenden Bildelementen, zum Nachdenken an, über die verlorene Bindung von Mensch und Natur, über die Unergründlichkeit wie auch Verletzbarkeit der Natur. Auch darüber, dass wir der unberührten Natur kaum noch begegnen sondern vom Menschen geschaffenen Natursurrogaten.

Die in ihren Bildern immer wieder auftauchenden malerischen und grafischen Irritationen, vielleicht könnte man auch von „Störfällen“ sprechen, die sich geplant oder durch Zufall ereignen, sind für mich Ausdruck eines unberechenbaren schöpferischen Funkens – erhellend, wie ein Blitz. Plötzlich lässt sich die Realität, die „hinter“ der Malerei liegt, erahnen.

Ich stelle mir vor, wie sich eine geordnete, stabile und verständliche Welt (von der wir alle vielleicht träumen) in einen Ort des Unbekannten, Unheimlichen, Rätselhaften und Unkontrollierten verwandelt.  Hier trifft das Realitätssystem der Erfahrungswelt, in der wir leben, auf die Spielräume der künstlerischen Freiheit. Nicole Bold erforscht in ihren Bildern die Unendlichkeit des Möglichen gegenüber der Endlichkeit des rein Faktischen. Das Mögliche inszenieren, Utopien entwerfen: „Es könnte auch so sein“, meint sie. Und arbeitet schon am nächsten Bild weiter.

Jedes ihrer Gemälde stellt die Summe einer Kette addierter Erfahrungen dar, die sie während des Malvorgangs macht. Dieses künstlerische Agieren und Reagieren auf die Eigenschaften, Qualitäten und Stimmungs- wie auch Symbolwerte der Farben in Verbindung mit ihren subjektiven Gefühlen und Erinnerungen, stellt sich als eine Art fortlaufender Entwicklungsprozess dar, kontinuierlich Bild für Bild immer weiter sich fortschreibend. Dabei tritt ein spontan-intuitiver Zeichengestus in einen Dialog mit kalkuliert gesetzten malerischen und illusionistischen Flächen wie auch Formen.

Die Künstlerin erschafft sich in ihrer Malerei mittels Farbe und einer handwerklich ausgefeilten Mal- und Lasurtechnik eigene, spannungsreiche und vieldeutige Bildwelten, deren zentrale Eigenschaften ihre Offenheit und Wandelbarkeit sind. Sie lassen sich in den naturnahen Vorgängen von Werden, Auflösung und Erneuerung verorten.  „Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur. Die ewige Systole und Diastole, das Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir leben, weben und sind“, schreibt Johann Wolfgang von Goethe.

Gerade der Gedanke des Webens, Vorstellungen von einem wachsenden Gewebe, einem dynamischen Geflecht lässt an Nicole Bolds Bildwelten denken. Sie versteht ihre bildnerischen Gestaltungsmittel,  den Wechsel von Hell – Dunkel, die Ordnung und Komposition der Bildfläche als Kräfte,  die im korrespondierenden Wechselspiel intensive Beziehungen untereinander bewirken und zwar entsprechend den sich immer wieder verändernden und sich erneuernden Erscheinungen, Prozessen und Rhythmen der Natur. So ist es vor allem die lichthaltige Farbe, die den kontinuierlichen Wandel der Natur, das Dynamische und Fließende,  zum Ausdruck bringt. Farbe leuchtet und verlischt, fließt und verdichtet sich. Immer wieder tauchen im Bildraum sich neu generierende Strukturen auf und verflüchtigen sich sodann. Erstarkt eine Form oder beobachten wir ihr langsames Verglühen? Vorrübergehende Farb-Licht-Reflexe verzaubern, Zustände eines sanften Schwebens vermitteln Leichtigkeit im Bildgefüge.

Immer wieder wechselt sie den Blickwinkel: mal ist es ein Blick aus luftiger Höhe auf die Welt, mal eine terrestrische Sicht, die wir zu erkennen meinen. Es sind Durchblicke, Ausblicke, Einblicke, Überblicke, die sie in ihren Bildern erschafft – Ausdruck eines scheinbar unendlichen schöpferischen Potentials. Und dann passiert etwas ganz Besonderes beim Betrachten ihrer Bilder: „Für einen Augenblick lässt die Zeit uns los“ (Nicole Bold).

 

Heiderose Langer